Archive for the ‘Text’ Category

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Verhängnisvolle Sehnsuchtsmonde

02/12/2013

Verhängnisvolle Sehnsuchtsmonde ist ein Essay von Florinda (Kerstin Eberhard) über die Psychologie der Pubertät. Ein wesentlicher Bestandteil des Textes ist die Lebensgeschichte des Serienmörders Jürgen Bartsch. Veröffentlicht in DAS FEUILLETONMAGAZIN, edition schreibkraft, Heft 25, Graz Dezember 2013.

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Intuitive Traumarbeit – von H.R. Meder

17/02/2013

Die Arbeit mit Träumen zieht immer mehr Leute in ihren Bann. Und das mit Recht, ist doch die Traumarbeit eine traditionsreiche Kunst, die dem, der sie beherrscht, Gesundheit und mentale Fitness bis ins hohe Lebensalter bescheren kann. Der Tenor liegt freilich auf der Einschränkung, dass man diese Kunst beherrschen muss. Denn die Arbeit mit Träumen gleicht einem naturheilkundlichen Pfad, der Wohl und Wehe in sich vereinigt. Hat man gelernt, mit den Träumen richtig umzugehen, so tun sich ungeahnte Möglichkeiten auf. Wird aber die Traumarbeit zum Pfusch, dann hat das oftmals eine Verschlimmbesserung des ursprünglichen Seelenzustands zur Folge. Um das verstehen zu können, ist es erforderlich, dass man weiß, wie das Unbewusste (UBW) denkt und was man unbedingt beachten sollte, wenn man mit Träumen arbeitet.
Um den Traum in seiner wahren Bedeutung zu erfassen, muss man sich vom Freudschen Konzept lossagen. Denn für Sigmund Freud war das Unbewusste ein Apparat und der Eingriff in die Seele ein analytischer Vorgang. Das UBW ist aber ein lebender Organismus, der eigenständig agiert und seine Entscheidungen aufgrund eines Denkvorgangs trifft, der sich grundlegend von den Vorgängen in unserem Wachdenken unterscheidet. An einem Beispiel möchte ich die PRÄLOGIK, das Denken des Unbewussten verdeutlichen. Das ist deshalb wichtig, weil der Traum ein Psycho-Feedback des UBW ist, welches nach besonderen Regeln abgefasst ist. Um eine Traumdeutung oder Traumanalyse auf ihre Richtigkeit hin zu prüfen, muss man diese Regeln kennen.

Für das Wachdenken bestehen mehrere Unterschiede zwischen einem Krautkopf und dem Kopf eines Kindes. Das Wachdenken, also unsere Ratio weiß, dass ein Krautkopf ein Gemüse ist und in der Erde wächst und somit Wurzeln anstatt Beine hat. Die Ratio weiß ebenfalls, dass ein Kinderkopf etwas Menschliches ist und somit über ein Gehirn verfügt, was man dem Krautkopf nicht nachweisen kann. Für das UBW besteht aber kein Unterschied, weil in beiden Wörtern – Krautkopf und Kinderkopf – das Wort Kopf enthalten ist. Damit werden beide Wörter für das UBW identisch, unabhängig von der Bedeutung die unsere Ratio diesen Wörtern beimisst. Deshalb geht es in der Traumarbeit darum, dem UBW in seiner Sprache zu verdeutlichen, welche Unterschiede es beispielsweise zwischen Krautkopf und Kinderkopf gibt, weil es sonst zu prälogischen Gleichsetzungen und damit zu ungeahnten Verwechslungen mit gesundheitlichen Folgeerscheinungen kommen kann.

Wenn ein Kind tagträumend im Garten sitzt und die Großmutter dabei beobachtet wie diese ihre Krautköpfe erntet, indem sie das Kraut mit einem Messer abschneidet, kann es geschehen, dass diese Beobachtung dazu führt, dass in der Fantasie des Kindes die Großmutter zur Hexe mutiert. Das deswegen, weil die Handlung der alten Frau, als etwas böses erlebt wird, denn die Großmutter „säbelt“ Köpfe ab. Die alte Frau = „böse“ = Hexe. Nun kocht die Oma für das Mittagessen das Kraut, was wiederum vom Kind als eine kannibalische Handlung erlebt wird, denn die Großmutter hat ja einen „Kopf“ geerntet, was für das UBW identisch mit dem Menschenkopf ist. Nun wird die vom Kind assoziierte „alte und böse Frau“, diese Hexe, die Köpfe abschneidet auch noch zur Menschenfresserin. Was zu einer (inneren) Ablehnung des Kindes gegenüber der Mahlzeit führen kann. Und in der Folge zu einer Essstörung des Kindes, die sich bis ins Erwachsenenalter zur Bulimie oder Anorexia nervosa ausbilden kann. Weil mit dem Beobachteten in Verknüpfung mit der kindlichen Fantasie auch die Angst einhergeht, die sich in der unbewussten Frage äußert „Wann werde ich vielleicht der nächste sein?“.

Wenn ich ins Traumgeschehen eingreife, dann ist das eine INTERVENTION, mit der ich einen Dialog mit dem UBW beginne. Dazu muss man logischerweise der Sprache des Unbewussten mächtig sein, weil man sonst ein Kauderwelsch redet, das unweigerlich zu Missverständnissen führt. Verlange ich etwas vom UBW, das als Manipulation erlebt wird, dann hat das zur Folge, dass das Unbewusste rückwirkend das Bewusstsein (BW) zu manipulieren beginnt, weil das UBW nach dem Talionsprinzip arbeitet:

Gleiches wird mit Gleichem vergolten.

Das UBW zeigt dann dem BW, wer tatsächlich der Herr im Seelenhaushalt ist. Dazu ein weiteres Beispiel:

Ein Mädchen, eidetisch veranlagt und verträumt, entdeckte die Traumarbeit auf seine Art. Sie träumte mit offenen Augen und entwickelte im Do-it-yourself-Verfahren eine Vorgehensweise die darin bestand, dass sie Tagtraumbilder herbeirufen konnte. Sie wünschte sich z.B. an Bord einer Motoryacht auf einem See zu sein. Und das Unbewusste erfüllte ihr diesen Wunsch. Sie kam sich vor wie eine Herrin der Träume und erregte bei ihren Lehrern eine unwillkommene Aufmerksamkeit, weil sie geistesabwesend vor sich hin träumte. Das ging so mehrere Jahre, bis das Unbewusste des Spiels müde wurde und den Spie&szig; umdrehte. Die inzwischen erwachsene Frau berichtete mir folgendes:

„Ich sehe wunderbar leuchtende Flecken, die sich bewegen und zu Kugeln formen, mich locken und in ihren Bann ziehen. Ich kann nichts dagegen tun. Die Realität versinkt, als ob ich in die Traumwelt hineingesaugt werde. Ich habe Angst, dass ich irgendwann nicht mehr zurückfinde.“

Zu der Zeit hatte ich noch wenig Erfahrung und stand vor einem völlig neuen Problem. Nachdem ich aber eine Weile mit dieser Schülerin gearbeitet hatte, erkannte ich, was da gelaufen war. Das Unbewusste merkte, dass es ausgenutzt wurde, machte lange Zeit gute Miene zum bösen Spiel und bezahlte sodann cash und mit gleicher Münze. Aus dem Diener, der auf Kommando brav reagierte, wurde ein Herr, der befahl und Gehorsam erzwang. Als meine Schülerin begriff, dass es an ihrer inneren Einstellung liegt und sie in jeder Beziehung erwartet, dass man sich nach ihr richtet, wanderte sie zu einem Psychiater ab, der sie mit Hilfe der Chemischen Keule ruhig stellte. Das schien ihr einfacher als an sich zu arbeiten und beziehungsfähig zu werden. Bevor ich sie schließlich aus den Augen verlor, erfuhr ich noch, dass sie massiv an Angstträumen und Schlaflosigkeit litt.

Natürlich ist es leichter, Medikamente einzunehmen als an sich zu arbeiten. Aber die Erfahrung lehrt, dass diese Taktik das UBW nur noch mehr gegen das BW aufbringt. Die Medikation dämpft und umnebelt das Unbewusste, aber sie behebt nicht den Konflikt. Das UBW fasst das als einen weiteren Affront auf und wehrt sich auf seine Art. Mit den Mitteln der Schulmedizin ist dem so gut wie gar nicht beizukommen. Man erreicht unter Umständen, dass das Symptom verschwindet, handelt sich dafür aber ein anderes ein, das vielleicht noch unangenehmer ist.

Hierzu ist wichtig zu wissen, dass es der Zeitbegriff des UBW verunmöglicht, dass ein vorhandenes Symptom von selbst verschwindet. Schaltet sich nicht eine neutrale Person ein, welche die Kunst versteht, zwischen dem BW und dem Unbewussten diplomatisch zu vermitteln, so kann der Konflikt zwar einschlafen, doch flammt er sofort wieder auf, wenn das BW einen weiteren Anlass liefert. Nun hat aber jedes Ding zwei Seiten. Und wirkt eine Pflanze krankmachend, wenn sie unrichtig oder in falscher Dosierung angewendet wird, so kann sie andererseits die Heilung bringen. Genauso verhält es sich mit der Traumarbeit. Das Zünglein an der Waage ist der Mensch, der mit Träumen arbeitet. Der Traumarbeit darf man es nicht anlasten, dass sich Folgeerscheinungen einstellen können. Das zu verdeutlichen, ist der Sinn dieses Beitrags. Ich möchte darlegen, dass der richtige Umgang mit den Träumen ein Segen ist. Und dass es sich wahrhaftig lohnt, diese traditionsreiche Kunst zu erlernen. Was hat man davon, wenn man den konstruktiven Dialog mit dem Unbewussten lernt? Die Antwort lautet:

MEHR ALS DIE MEISTEN MENSCHEN SICH TRÄUMEN LASSEN

Von Background her ursprünglich Tiefenpsychologe Freudscher Prägung, habe ich mich sehr rasch von dem Dogma des Mannes befreit, der immer noch einen enormen Einfluss auf Psychotherapie und Kultur hat, obwohl er heftig angegriffen und zum Teil auch konstruktiv widerlegt wurde. Immerhin verdanke ich meinen Lehrjahren auf der Couch ein fundiertes Verständnis komplexer seelischer Zusammenhänge. Aber alles, was mich heute ausmacht und mir in den frühen Achtzigerjahren das Prädikat Europas bester Traumexperte eingetragen hat, habe ich mir erst nach meiner Lehrausbildung erarbeitet.

Von Haus aus neugierig, wurde von mir vieles hinterfragt und angezweifelt, was von anderen unreflektiert verinnerlicht wurde und in Büchern und Seminaren endlos wiedergekäut wird. Ausgestattet mit einem Wissensdurst, der für meine Lehrer nicht sehr angenehm war, habe ich mir eine Frage gestellt, die zwar nahe liegend ist, die sich aber andere nicht gestellt haben. Ich sagte mir, dass es möglich sein müsste, das UBW zu veranlassen, einen Krautkopf von einem Kinderkopf zu unterscheiden. Das ist mir auch gelungen. Denn die prälogische Gleichsetzung zweier Köpfe, die in keiner Weise miteinander identisch sind, beruht auf dem Prinzip pars pro toto, das da lautet:

Ein Teil gilt für das Ganze.

Dieser eine Teil, den Krautkopf und Kinderkopf gemeinsam haben, ist wie schon erwähnt der Kopf und gilt im Denken des UBW für das Ganze. Daher sind die beiden Köpfe miteinander identisch, auch wenn sie das in Wirklichkeit nicht sind. Ich habe, zuerst in Experimenten an mir selber, später im Rahmen der Arbeit mit Schüler/innen entdeckt, dass sich das Prinzip pars pro toto auch umgekehrt anwenden lässt. Lautet die negative Anwendung, dass der Krautkopf mit dem Kinderkopf identisch ist, so lautet die positive Anwendung dieses Prinzips, dass Kraut und Kind nicht miteinander identisch sind. Das leuchtet ohne weiteres ein, muss aber dem Unbewussten erst ausführlich verdeutlicht werden. Natürlich in seiner Sprache, weil es anders nicht begreift.

Manche Leute lernen Suaheli oder Chinesisch. Ich lernte die Sprache des Unbewussten. Und habe in dieser Zeit die Intuitive Traumarbeit entwickelt, eine Naturmethode zur Prophylaxe, mit deren Hilfe auch die Selbstheilungskräfte der Seele aktiviert werden können. Basis dieser Vorgehensweise ist der Dialog mit dem UBW. Der ist wesentlich leichter zu erlernen als mit wenigen Sätzen zu erklären. Prälogisch denkt nämlich nicht nur das Unbewusste, sondern prälogisch denkt auch jedes Kind. Daher ist es ein Wiedererlernen von etwas, das jedem von uns zuinnerst bekannt ist.

Der Arzt und Psychagoge Alphonse Maeder hat im Jahre 1925 vor der Schweizerischen Neurologischen Gesellschaft ein Referat mit dem Titel Régulations psychiques et guérison gehalten, aus dem später dann sein Buch mit dem Titel SELBSTERHALTUNG UND SELBSTHEILUNG entstanden ist. Darin beschreibt er sehr ausführlich, dass die Selbstheilungskräfte die Mithilfe des Bewusstseins brauchen, um wirksam werden zu können. Diese Mithilfe kann nicht erfolgen, wenn zwischen dem Bewusstsein und dem UBW eine Art Kriegszustand herrscht, welches sich oft in Alpträumen manifestiert.

Wir sollten uns hinsichtlich der Tatsache, dass es mit der seelischen Kultur des Menschen der Atomzeit im Argen liegt, keiner Täuschung hingeben. Das UBW ist ein Bereich, von dem man nichts wissen will. Die Einstellung überträgt sich natürlich auf den Traum, der eine Ausdrucksform des Unbewussten ist. Zwar ist es ein gutes Zeichen, das die Arbeit mit den Träumen zunehmend an Interesse gewinnt. Aber dem kritischen Betrachter zeigt sich eine verquere Einstellung, weil die Denkweise des UBW unberücksichtigt bleibt und die Ziele der zeitgenössischen Traumarbeit mit Wellness umschrieben werden können.

Der Traum ist ein Feedback des Unbewussten, welches das Ziel verfolgt, die Persönlichkeit auf einem Lebenskurs zu halten, der ihr entspricht und auf dem sie zur Erfüllung gelangen kann.

Der Dialog mit dem UBW ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass die Selbstheilungskräfte der Seele aktiv werden können. Denn beim autoregulativen Vorgang spielt das Bewusstsein eine wichtige Rolle, für die es im Rahmen des Dialogs konditioniert wird. Fehlt dieses naturgemäße Bewusstseinstraining, dann bildet sich eine mehr oder minder starke Bewusstseins-Insuffizienz. Das BW ist in dem Fall unfähig, dem natürlichen Selbstheilungsprozess auch nur standzuhalten, geschweige denn ihn zu unterstützen. Alphonse Maeder schreibt:

Hier hört die fruchtbare Wechselwirkung zwischen dem Bewusstsein und dem Unbewussten auf. Solche Menschen verlieren den Kontakt mit ihrer Regulationsinstanz; sie machen sich ihr gegenüber gleichgültig, sie kämpfen gegen sich selbst, wie sie früher blind gegen ihre Erzieher gekämpft haben.

Der Selbstheilungsprozess ist keine sanfte Angelegenheit. Ein untrainiertes Bewusstsein ist dem nicht gewachsen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass viele Leute, bei denen ein autoregulativer Prozess anläuft, ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen, weil sie Angst kriegen und gar nicht auf die Idee kommen, dass da etwas zu ihrem Wohle geschieht. Sie werden mit einer 08/15-Diagnose eingeliefert oder medikamentös ruhig gestellt. Wir können uns an anderen orientieren, an Konzepten von Menschen oder an einem natürlichen Weg. Das liegt letztlich in der Entscheidung jedes Einzelnen. Doch alle, für die Träume mehr als Schäume sind, die sich schon in der Kunst der Traumarbeit versucht haben und mehr wollen, als luzid träumen und ein Traumtagebuch führen – alle jene haben ein Recht darauf, zu erfahren, was tatsächlich möglich ist. Und was man nur lernen braucht, um sich psychomental gesund und leistungsfähig zu erhalten.

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Kopieren nur für private Zwecke. Jede andere Verwendung, auch auszugsweise und zwecks Rezension, bedarf der Zustimmung des Autors.
Diesbezügliche Anfragen richten sie bitte an Florinda Ke Sophie

Literatur: Meder, H.R.: Intuitive Traumarbeit, Bern, Frankfurt, New York, Paris 1990

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Scheuklappendenken – von Florinda Ke Sophie

17/02/2013

Sie kennen doch diese Dinge aus Leder, die man Pferden aufschnallt, damit sie nicht scheuen, wenn eine schwere Kawasaki oder der ICE an ihnen vorbeidonnert. Aber haben Sie schon mal in Betracht gezogen, dass man das nicht nur mit Pferden macht, sondern auch mit Menschen? Ein kurioser Gedankengang, finden Sie? Sie haben Recht. Aber trotzdem stimmt es. Nur dass die Scheuklappen für Pferde grobstofflich sind, die für Menschen jedoch feinstofflich. Doch beide dienen dem gleichen Zweck: sie sollen verhindern, dass wir uns erschrecken und von einem bestimmten Kurs abweichen. Nicht etwa von einem Lebenskurs, der uns nach Anlage und Bestimmung entspricht, sondern von einem Kurs, den unsere Erzieher für richtig halten.

Man nennt das Fremdbestimmung und es verstößt gegen die Grundrechte. Aber eine psychische Manipulation ist schwer nachzuweisen, falls nicht gerade ein Chip ins Gehirn implantiert wurde, der auf dem Röntgenschirm zu sehen ist und den ein Neurochirurg entfernen kann. Die Betroffenen sind also im Beweisnotstand. Und derer sind viele. Man nennt sie normal und weiß sie zu schätzen, weil sie leicht zu handhaben sind. Das mit feinstofflichen Scheuklappen ausgestattete Individuum glaubt zwar, mündig zu sein, ist es aber nicht. Es vertraut korrupten Politikern, wählt einen Partner, der gar nicht zu ihm passt, und lässt sich nach Strich und Faden ausnützen, ohne das auch nur zu merken, geschweige denn zu verhindern.
Skotom & Mantra
Die Scheuklappen werden in der Fachsprache Skotome genannt. Sie werden im Trauma der Erziehung und später im Bildungsgang implantiert und bleiben ein Leben lang wirksam. Die Vorbereitung zur Installierung beginnt schon intrauterin und die Entstehungsgeschichte würde ein dickes Buch füllen. Einmal sollen die Scheuklappen verhindern, dass das Kind zu viel wahrnimmt und von daher die Achtung vor seinen Eltern verliert. Deshalb werden Tabus aufgebaut, die zuweilen wie Dämme brechen und zu Mord und Totschlag führen. Halten die Scheuklappen, so entsteht der brave Staatsbürger, dessen psychische Behinderung die Meinungsbildner, gewissenlose Geschäftemacher und Politiker ausnützen.

Wie seinerzeit in der Familie, so denkt der aufrechte Steuerzahler: die werden schon wissen, was für mich richtig ist. Der ganz und gar skandalöse Gedanke, dass die es nicht wissen könnten, steigt mit dem Tabu in den Ring und verliert nach Punkten. Das heißt, er wird verdrängt. Höchstens hegt man diffuse Zweifel, die rasch im Sand verlaufen, wenn man sich den Liebesentzug und die hinter verschlossenen Türen bezogenen Prüügel in Erinnerung ruft. Dergleichen motiviert nicht, sondern aktiviert das Mantra der Resignation. Das om mani padme hum des angeblich Gleichberechtigten, das da lautet: da kann man nichts machen, das war schon immer so.

Brav wählt man immer wieder Volksvertreter, deren Physiognomien allein schon Bände sprechen und die arbeitslos wären, gäbe es nicht die durch Erziehungsbeihilfe staatlich geförderte Scheuklappenproduktion in der Familie. Das alles ist schon schlimm genug, weil wir den Skotomen unter anderem das Senfgas und Zyklon B, Atomsprengkörper mit einem Detonationswert von 50 Mt TNT und Tschernobyl verdanken, nicht zu vergessen das Contergan und die Zerstörung der Atmosphäre. Denn das durch Scheuklappen verengte Gesichtsfeld lässt nur radikale Problemlösungen zu, die in den Nachrichten Erwähnung finden und sattsam bekannt sind.

Man durchschaut das aber nicht, weil die blinden Flecke in der Wahrnehmung das verhindern. Man ist volljährig und im Vollbesitz seiner Bürgerrechte, denkt und handelt aber wie das Rotkäppchen im Märchen, das den Wolf für die Großmutter hielt, nur weil der sich mit ihrer Schlafhaube tarnte.

BEWUSSTSEINSERWEITERUNG
Also wäre es dringend angezeigt, den Zustand zu verändern. Freilich sind anspruchsvolle Angebote rar, welche das Ziel verfolgen, die Persönlichkeit zu läutern und die blinden Flecke in der Wahrnehmung abzubauen. Das kann auch nur funktionieren, wenn man erkannt hat, dass man selbst blinde Flecke in der Wahrnehmung hat. Kräftig werden oder eine Kunst erlernen kann nur der, welcher erkennt, dass er schwach und unwissend ist. Mangelt die Erkenntnis, dann fehlt zugleich auch das Motiv, zu lernen und an sich zu arbeiten – und was immer man tut, verbleibt im Seichten. Wer von sich behauptet, er sei fertig, der hat noch gar nicht angefangen. Und wer andere lehrt, ohne selber unter kompetenter Anleitung gelernt zu haben, der muss auf Abnehmer hoffen, die dümmer sind als er selber. Das alles ist nicht neu, sondern steht schon in den alten Schriften. In der Bhagavadgîta heißt es:

Ein Tor ist, wer nicht bei sich selbst
mit seiner Arbeit anfängt.

Skotome kann man beseitigen, das Bewusstsein kann man trainieren und erweitern, die Erzieherischen Prägungen können abgebaut werden. Aber das geht nicht ohne Einsatzbereitschaft und steter Mühe.